DISAPPEARING BERLIN inszeniert über ein Jahr lang einzigartige Berliner Architekturen und besondere urbane Räume, denen Abriss, Privatisierung oder Umnutzung bevorstehen, nachdem sie das Stadtbild und kulturelle Leben über Jahrzehnte prägten. Mit Performances, Tanz und Konzerten erkunden wir die Stadt und das Potential ihrer gefährdeten, vergessenen und neu entstehenden Räume. Im spielerischen Umgang mit der Kunst entwickeln sich so neue Perspektiven auf einen Wandel, der sich nicht stoppen, wohl aber mit gestalten lässt.

Inoffiziell, im Gedenken der Speakeasy Bars des Berliner Nachtlebens, startet DISAPPEARING BERLIN als Pop-up-Bar im ehemaligen Backstage Bereich im Kino International. Der offizielle Auftakt fand auf der 22. Etage des Postbank-Hochhauses in der 70er-Jahre Architektur der ehemaligen Kantine statt: Bei Sonnenuntergang spielten 16 Gitarristinnen vor einem beeindruckenden Berlin-Panorama Julius Eastmans „Gay Guerrilla”. Eine Baustelle direkt am Charlottenburger Spreeufer wurde zur nächtlichen Bühne für das internationale Tanzkollektiv Young Boy Dancing Group. Steven Warwick inszenierte zusammen mit Angharad Williams und Oliver Corino am Waterloo-Ufer in der Südlichen Friedrichstadt eine Flußüberquerung zum versteckt gelegenen Haus1. Im Bärenzwinger, der bis 2015 den letzten Berliner Bären beherbergte und seit 2017 selbst Ausstellungsraum ist, reflektierte Georgia Gardner Gray in einer Theaterinszenierung über die Irrungen und Wirrungen der menschlichen Existenz und belebte den Ort mit animalischem Wahnsinn. Der amerikanische Komponist und Schlagzeuger Eli Keszler verwandelte mit einer meditativen Percussion Improvisation das Deck eines der beiden aus den 1970er Jahren stammenden Parkhäuser am Kottbusser Tor zum Resonanzraum. Mit Tubas und Tenören brachte der belgische Komponist Billy Bultheel, der u.a. die Musik zu Anne Imhofs FAUST schrieb, das Dach von Álvaro Siza Vierias Bonjour Tristesse Wohnhaus, das als Prestigeobjekt der Internationalen Bauausstellung 1987 entstand, zum Schwingen. Das denkmalgeschützte Baerwaldbad mit seinen extravaganten Schwimmhallen im Jugendstil und im Stil der klassischen Moderne wurde zum Experimentierfeld für den Tänzer Josh Johnson, ehemals William Forsythe Company, und den Komponisten Patrick Belaga. Die Punk-Band Die Hässlichen Vögel setzte dem öden Luxusleerstand in Quartier 206 in der Friedrichstraße mit ihrem Konzert ein fulminantes Gegenbeispiel an künstlerischer Neugier und erfrischenden Klangexperimenten. Im ältesten Kino Deutschlands, dem Moviemento in Kreuzberg, zeigt Marianna Simnett neu editierte Filme, die sich mit der Sorge um den menschlichen Körper beschäftigen. Das, was nicht erinnert werden kann, kann nicht verschwinden – nach diesem Leitfaden laden die KammerQueers, ein rund um die Münchner Kammerspiele entstandenes, queeres Kollektiv zusammen mit den Berliner Kollektiven House of Living Colors und Queer Arab Barty zu einer Performance- und Clubnacht in die Green Mango Karaoke Bar ein. Schroff, rau und unverändert steht das Kottbusser Tor neben der ringsum stattfindenden Gentrifizierung. Das dortige Xara Beach, sonst Treffpunkt eines meist männlichen arabischen Publikums wird mit Live-Performances zum kosmopolitischen Begegnungsort. Noch einmal öffnen wir für die Öffentlichkeit die Türen von Clärchens Ballhaus, bevor das legendäre Tanzlokal nach seiner Schließung im Januar als Eventlocation für private Veranstaltungen genutzt wird. Im Rahmen vonDISAPPEARING BERLIN entwerfen wir eine Vision, in der Clärchens Ballhaus als Ort für Tanz, Kunst und Musik für Alle erhalten bleibt.

Als Folge der Kriegszerstörungen nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden diverse moderne Neubauprojekte innerhalb sowie Großsiedlungen an den Rändern der Stadt. Die dort fehlende und nur unter hohen Kosten zu errichtende Infrastruktur führte zum großflächigen Abriss von Altbausubstanz in den Stadtvierteln, um an ihre Stelle Neubauten und Autobahnbaupläne zu setzen. Gegen diese sogenannte „Kahlschlagsanierung“ rührte sich unter der Bevölkerung ab Mitte der 1970er Jahre massiver Widerstand. Das Konzept der „Behutsamen Stadterneuerung“ sollte die politisch-praktische Alternative darstellen – visionäre Stadtplanung und progressive Wohnkonzepte wurden aktiv gefördert. Zudem verkaufte die Stadt etliche Grundstücke an meistbietende Investoren. Allgegenwärtig prägt ein zunehmender Wachstums- und Verwertungsdruck das Stadtbild und droht wieder einmal in rasantem Tempo die vielschichtig und divers gewachsenen Fundamente einer Stadt zu zersetzen, deren bewegte Geschichte und komplexe, oft widersprüchliche Textur, sie lange Zeit so einzigartig und anziehend machte.

An diesen Orten – Brennpunkte aktueller Stadtpolitik –  setzt sich DISAPPEARING BERLIN mit der Vergangenheit, dem Jetzt und der Zukunft Berlins auseinander, um gemeinsam mit den eingeladenen Künstler*innen den Blick für diese Veränderungen zu schärfen. Die Stadt wird zum Protagonisten, zum gesellschaftlichen Körper, in dem sich Zeitgeist und Ideologien ebenso abzeichnen wie gesellschaftliche Veränderungen und Umbrüche. Performance, Kunst und Architektur treten in Dialog und lassen uns diese besonderen Orte wieder und neu erleben. DISAPPEARING BERLIN begegnet dem um sich greifenden Geschichts- und Gesichtsverlust und richtet den Blick dabei nach vorn, wie ihn ausgerechnet die Einstürzenden Neubauten vorgegeben haben: „Die neuen Tempel haben schon Risse”, singen sie und prophezeien: „Alles nur künftige Ruinen, Material für die nächste Schicht”.

DISAPPEARING BERLIN ist eine Veranstaltungsreihe des Schinkel Pavillon www.schinkelpavillon.de und wird gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds und die Spartenoffene Förderung der Stadt Berlin.


For over a year, DISAPPEARING BERLIN has been staging unique Berlin architecture and unique urban spaces that are about to be demolished, privatised or converted, after having shaped the cityscape and cultural life for decades. With performances, dance and concerts we explore the city and the potential of its endangered, forgotten and newly emerging spaces. In a playful approach to art, new perspectives on a change, that cannot be stopped, but shaped, are developed.

In memory of Berlin’s legendary night life, DISAPPEARING BERLIN unofficially premiered as a pop-up bar in the former backstage area of the famous GDR cinema Kino International. Its formal first appearance took place on the 22nd floor of the Postbank skyscraper, in the 70s architecture of its former canteen: as the sun set, 16 female-identifying guitarists played Julius Eastman’s “Gay Guerrilla” in front of a striking Berlin panorama. Steven Warwick staged a river crossing to the hidden Haus1 in Southern Friedrichstadt. At Bärenzwinger, located at the very heart of Berlin, Georgia Gardner Gray reflected upon the twists and turns of human experience on earth. Eli Keszler’s wild percussion improvisations turned the multi-story car park at Kottbusser Tor into a resonating body; Billy Bultheel, who among other things wrote the music for Anne Imhof’s FAUST, invited two tubas and tenors to make the roof of Álvaro Siza Vieria’s Bonjour Tristesse building at Schlesisches Tor vibrate, while a construction site located directly on the banks of the Spree in Charlottenburg turned into a nocturnal stage for the international dance collective Young Boy Dancing Group. The listed Baerwaldbad with its extravagant swimming halls in Art Nouveau and classical modernist style became a field of experimentation for dancer Josh Johnson, formerly William Forsythe Company, and composer Patrick Belaga. With their concert, the punk band Ugly Birds set a brilliant counterexample – one of artistic curiosity and refreshing sound experiments – to the desolate vacancy at the luxury department Quartier 206 at Friedrichstraße. In Germany’s oldest cinema, the Moviemento in Kreuzberg, Marianna Simnett showed two newly edited films dealing with her continuous concern for the human body. According to the guideline That which cannot be remembered cannot disappear, KammerQueers, a queer collective formed around the Munich Kammerspiele invited two BPoC collectives from Berlin, House of Living Colors and Queer Arab Barty, to co-host a performance and club night at the Green Mango Karaoke Bar. Rugged and rough, the Kottbusser Tor stands untouched from gentrification, taking place all around it. Xara Beach, normally a meeting point of a mostly male Arab audience, becomes a cosmopolitan meeting place with live performances. Once again, we open the doors of Clärchens Ballhaus to the public, before the legendary dance hall temporarily becomes an event location and will be renovated later this year. As part of DISAPPEARING BERLIN, we are creating a vision in which Clärchens Ballhaus will be preserved as a place for dance, art and music, open for everyone.

The major destructions after the Second World War brought along the construction of new, modern-style buildings in town as well as large developments at the outskirts of Berlin. Due to a lack of infrastructure and an enormous expenditure of costs for its implementation, large-scale area clearances followed in various districts in order to build new, affordable housing and highways across the city. From the mid 70s on, this so-called “Kahlschlagsanierung” let to massive oppositions and squats among the population. In return, cautious approaches to urban renewal were developed and visionary urban planning and progressive living concepts were actively supported. Today, an increasing pressure towards economic growth and monetization is once again molding our cityscape, and threatens to degrade at breath-taking speed the organic, historically layered foundations of our city, whose eventful history and complex, often contradictory texture were what made it so unique and attractive for so long.

It is precisely in these places – hotspots of current city policy – that DISAPPEARING BERLIN will address the past, the present and the future of Berlin, in order, together with the invited artists, to sharpen our view of these changes. The city becomes a protagonist, a social body, in which the Zeitgeist and ideologies are imprinted just as clearly as social transformations and upheavals. Performance, art and architecture come into dialogue and allow us to experience these unique places once more in a new way.

DISAPPEARING BERLIN confronts the loss of history and of face currently transforming the city, but looks ahead in so doing, just as the aptly-named Einstürzende Neubauten counseled: “The new temples have cracks already,” they sang, and prophesied: “All just future ruins, material for the next layer.”

DISAPPEARING BERLIN is an event series of the Schinkel Pavilion www.schinkelpavillon.de and is supported by the Hauptstadtkulturfonds and the Spartenoffene Förderung der Stadt Berlin.

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